Angemerkt!
Sorry, Dominique!
Mit seiner Schilfboot-Expedition über den Atlantik will der Chemnitzer Dominique Görlitz "die Geschichte umschreiben". Doch ist das Unternehmen wirklich das "größte maritim-wissenschaftliche Abenteuer seit Thor Heyerdahl"?
Die Medien bezeichnen Görlitz abwechselnd als "Experimentalarchäologen", "Vegetationsgeografen", "Abenteurer" und "Steinzeit-Segler". Einen Segelschein hat er nicht. Mit seiner Atlantiküberquerung will der ehemalige Lehrer für Sport und Biologie trotzdem "die Geschichte umschreiben". Wer sich so weit aus dem Fenster lehnt, dessen Argumentation sollte zumindest gut durchdacht sein. Ist sie das?
Görlitz’ Beweisführungskette lässt sich im Wesentlichen auf drei Elemente herunterbrechen.
Paffte Ramses wirklich Zigaretten?
Der wissenschaftliche Hintergrund: In der Mumie von Ramses II. hätten Forscher, so Görlitz, Spuren von Kokain und Nikotin nachgewiesen – Stoffe, die es zu Lebzeiten des Pharaos in Ägypten noch nicht gab und die folglich aus Amerika stammen mussten.
Das entscheidende Indiz: Görlitz will beim Studium prähistorischer Felsbilder aus Oberägypten bestimmte Striche an Schiffszeichnungen als Kielschwerter identifiziert haben, mithin als Steuerungselemente, die eine Atlantiküberquerung von West nach Ost erst möglich machen. In dieser Richtung ist die Überfahrt besonders schwierig, weil die Crew gegen den Wind kreuzen muss – die Kielschwerter machen’s möglich.
Der finale Beweis: Der Chemnitzer segelt von New York nach Portugal – und dies so authentisch wie möglich. Sein Schiff ließ er "auf traditionelle Weise von den bolivianischen Aymara-Indianern" bauen.
Moment mal – ein Schiff prähistorisch-oberägyptischer Bauweise, von heutigen bolivianischen Indianern authentisch konstruiert?
Oberägyptischer Bootsbau am Titicacasee
Nach Rückfrage bei Dietrich Wildung, dem Direktor des Ägyptischen Museums in Berlin, wirkt schon der erste Teil der Argumentation des Chemitzers schnell nicht mehr so überzeugend. Der Mythos vom paffenden Pharao sei schon vor Jahren als Überinterpretation chemischer Analysen enttarnt worden, sagt Wildung, der von Görlitz’ Expedition im Rundfunk gehört hat. Die vermeintlichen Spuren von Tabak und Kokain seien Produkte von Zersetzungsprozessen in der Mumie, mitnichten also ein Beweis für transatlantischen Handel in der Steinzeit. Auch Kielschwerter hat bislang nur Görlitz auf den prähistorischen Zeichnungen ausmachen können. Der Ägyptologe Wildung kann nur dazu raten, bei der Interpretation vorsichtig zu sein. Ein noch größeres Fragezeichen setzt er hinter das angenommene Alter der Steinzeichnungen: "Die genaue Datierung von Felsbildern ist derzeit noch kaum möglich. Außer in Einzelfällen, in denen eindeutig datierbares Beweismaterial neben den Bildern gefunden wurde, können solche Zeichnungen 500, genauso gut aber auch 5000 Jahre alt sein."
Görlitz selbst hat die ägyptischen Felszeichnungen, nach deren Vorlage sein Schiff entstand, auf älter als die 5. Dynastie geschätzt. Seiner Meinung nach entstanden sie also mehr als 2500 Jahre vor Christus. Er begründet das damit, dass den Schiffszeichnungen ein Ruderrast fehlt, der in der 5. Dynastie eingeführt wurde.
Geisteswissenschaftliche Beweisführung
Doch was könnte er überhaupt beweisen? Selbst wenn die Ägypter bereits in der Frühzeit über Steuerelemente an ihren Schiffen verfügten, mit denen sie die Atlantiküberquerung hätten schaffen können, belegt eine gelungene Überfahrt noch lange keinen steinzeitlichen Handel. Sie könnte höchstens zeigen, dass dies theoretisch möglich gewesen wäre. Der Direktor des Ägyptologischen Institut der Universität Heidelberg, Joachim Friedrich Quack, beurteilt die Argumentation des Chemnitzers jedenfalls extrem skeptisch. "Geisteswissenschaftliche Beweisführung sieht anders aus", sagt er. Dominique Görlitz und seiner Crew wird das wahrscheinlich egal sein – sie sehen ihre Unternehmung als "größtes maritim-wissenschaftliches Abenteuer seit Thor Heyerdahl".
Vielleicht meint Görlitz mit "wissenschaftlich" ja auch die psychologisch betrachtet hochinteressante Situation auf dem Schilfboot, wo zwölf Crewmitglieder über Wochen auf engstem Raum zusammenleben. Görlitz hat zumindest schon einen Ansprechpartner parat für den Fall, dass seine Besatzung nach der Expedition psychotherapeutische Beratung braucht: Für schlappe 2700 Euro bietet sein Hauptsponsor – gleichzeitig für die wissenschaftliche Koordination zuständig – die Teilnahme an einem einwöchigen "Quadrinity-Prozess" an, einer "Psychotherapie für Menschen, die tagtäglich merken, dass mit ihrem Leben etwas nicht stimmt". Leider ist der Koordinator nicht immer erreichbar. Von der Mailbox jedoch erfährt der Anrufer, dass für den nächsten Quadrinity-Prozess noch Plätze frei sind. Na dann mal los!



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1. Hat sie doch einen tollen Artikel geschrieben ...
23.07.2007, Wolf MüllenbergSolche Gegenargumente sollten Inhalt haben, aber nicht polemisch süffisant den Autor anpinkeln (z.B. durch Wendungen wie "paffender Pharao" oder "schlappe 2000 Euro") Zugegeben, so etwas lässt sich bestens in einer Redaktion oder abends in der Badischen Weinstube formulieren. Nur: In diesem Artikel sagt Herr Quack ganz richtig: "Geisteswissenschaftliche Beweisführung sieht anders aus!" Sollte sich Frau Maier mal zu Herzen nehmen. Und woher nimmt sie sich die Chuzpe, Herrn Görlitz, den sie wahrscheinlich nie kennengelernt hat, im Titel mit dem Vornamen anzusprechen? Wohl eine Frage der Erziehung ... Viel schlimmer noch: Solche Artikel wandeln ein "Spektrum der Wissenschaft" über kurz oder lang in ein "Goldenes Blatt" (ich muss mich bei dieser Presse wohl entschuldigen) der Wissenschaft"!
Dabei kann ich dem verehrten Herrn Chefredaktuer, Herrn Zinken, einen leisen Vorwurf nicht ersparen, wenn er ein solches Opus in einem "wissenschaftlichen" Organ, für das er unterschreibt, durchgehen lässt. Schade, Herr Zinken, ich hatte bislang von Ihnen mehr gehalten.
Trotzdem: Mit Grüßen
Wolf Müllenberg