epoc: Herr Professor Pasda, eine 2004 er­schienene Monografie von Ihnen trägt den ungewöhnlichen Titel "Hotel Grønland". Was verbirgt sich dahinter?

Clemens Pasda: Zunächst einmal eine nette Geschichte: Ein junger Ethnologe schloss sich einer Gruppe von Karibujägern auf einem Streifzug durch die Tundra an. Als er irgendwann fragte, wo man denn übernachten würde, erhielt er zu seiner Verwunderung die Antwort: "Im Hotel Grönland!" Am Abend schließlich erreichten die Männer einen Felsüberhang, unter dem sie Felle auslegten. "Das ist unser Hotel Grönland!", erklärten die Jäger lachend. Der Titel hat sich aufgedrängt, da es in meinem Bericht um die Nutzung von Höhlen und Fels­überhängen in Westgrönland ging. Die Geschich­te zeigt aber auch den Gegensatz zwischen dem Wissenschaftler, der keine Ahnung hat – das könnte auch ich sein –, und den kompetenten Jägern, die sich auskennen und Humor haben.

Grönland verbinden die meisten sicher mit Eis, Schnee und Iglus, nicht mit einer Tundrenlandschaft.

Ja, es stimmt natürlich, dass 80 Prozent von Gletschern bedeckt sind – nur in der Antarktis gibt es dickere Eisschilde –, aber an den Küsten Grönlands gibt es auch eisfreie Bereiche, insbesondere im Westen. Bis zu 150 Kilometer reicht dort die Tundra ins Landesinnere hinein, zahlreiche Karibus leben hier und dienen den Menschen schon seit 4000 Jahren als Nahrungsquelle. Mein Ziel ist es, die vielen materiellen Hinterlassenschaften der Karibujäger zu dokumentieren …