"Wenn ich mich auch vorläufig hier recht wohl fühle, von der Fakultät sehr freundlich aufgenommen worden bin und vom sonstigen Antisemitismus … nichts am eigenen Leibe verspürt habe, so kann ich doch das unbehagliche Gefühl, auf einem Vulkan zu tanzen, nicht recht loswerden." Der als Jude geborene Ägyptologe Georg Steindorff (1861 – 1951) schrieb diese Worte nicht etwa aus Anlass der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Januar 1933, sondern schon weitaus früher: am 25. Februar 1894. Erst einige Monate zuvor hatte er in Leipzig die Nachfolge von Georg Ebers (1837 – 1898) als Professor für Ägyptologie angetreten und dachte nun ernsthaft darüber nach, an die ­Universität Straßburg zu wechseln. Dabei war Steindorff schon zu Beginn seines Studiums 1884 zum Protestantismus konvertiert. Doch die jüdische Herkunft bestimmte zeitlebens sein Schicksal.

Judenfeindliche Gesinnungen waren schon zwischen 1879 und 1881 während des "Berliner Antisemitismusstreits" veröffentlicht und hitzig diskutiert worden. Aber auch in den Nachbarländern hegte man Argwohn gegen die Emanzipation und den Erfolg jüdischer Mitbürger: Sieben Monate nach Steindorffs Brief wurde in Frankreich der Hauptmann Alfred Dreyfus fälschlicherweise wegen Landesverrats zu lebenslanger Haft verurteilt ("Dreyfus-Affäre") – auf Grund antijüdischer Ressentiments, wie es schon 1898 öffentlich angeprangert wurde …